Der Fall Lennart

Manchmal… Ja manchmal gibt es so Situationen, da fängt man einfach an, dazwischen zu plappern. Passiert mir häufiger, weil ich hab ne große Klappe und die ist oftmals schneller als das angehängte Stück Hirn, aber, manchmal, ja manchmal lohnt es sich die Klappe mal aufzureißen. Wo kann man am besten plappern in der virtuellen Welt? Klar, Twitter.

Bei Twitter folge ich nun über 100 Menschlein. Und das besondere dabei ist: Ich interessiere mich auch für sie. Und obwohl ich mit einigen von ihnen keinen oder nur sporadisch selbst Kontakt hatte, so erscheinen diese Menschlein ja nicht in meiner Twitter-Timeline weil #nurmalso sondern weil #ausInteresse. Und so verfolge ich bereits auch seit geraumer Zeit einen jungen Mann namens Lennart; 18 Jahre jung, Hobbyfotograf aus Leidenschaft – wenn ich das mal so sagen darf – und (bedauerlicherweise) wohnhaft in einer betreuten Wohngemeinschaft. Ich weiß nicht warum, weshalb, wieso. Ich maße mich nicht an, zu spekulieren und ich werde nach den Gründen sicherlich nicht einfach so fragen. Denn es gibt Dinge, die sind sehr persönlich und ich vermute auch die Gründe hierfür sind das. Ich denke, über derartiges spricht man, wenn man sich in die Augen sehen kann. Wie auch immer. Lennart ist 18 und muss nun die Wohngemeinschaft verlassen. Wohin mit Menschen, die irgendwo ausziehen?! Na am besten in eine neue Wohnung. Und eben diese sucht er nun. Ich kann mich nicht erinnern, seit wie vielen Wochen und in wie vielen Tweets das bereits thematisiert wurde, auf jeden Fall ist es mir, als einem von Lennarts mehr oder minder aufmerksamen Followern nicht entgangen, dass es hier irgendwo klemmt.

Als auch heute wieder Tweets über bevorstehende Entscheidungen durchliefen, ließ ich es mir dann mal doch nicht nehmen, nachzufragen. Und daraus entwickelte sich ein Gespräch über die Situation in der er steckt. Nur soviel: Die Zeit läuft weg und die Menschen da draußen verhalten sich ihm gegenüber nicht besonders kooperativ.
Es ist festzustellen, dass Lennart nun schon eine ganze Weile auf Wohnungssuche ist und obwohl die eigentlich zwei wesentlichsten Faktoren gesichert sind – regelmäßige Mietzahlungen und es gibt sogar Bürgen – will man ihm einfach keine Wohnung zugestehen. Jetzt mal im Ernst: Warum wohl? Spekulation, sicher, reine, aber sicherlich die richtige Richtung: Lennart ist zu jung, das Umfeld aus dem er kommt ist mit negativen Vorurteilen behaftet und diese ganzen alten Menschen, die in der Verwaltung der Wohnungsbaugenossenschaften und Vermieterfirmen sitzen, kommen damit offensichtlich nicht so ganz klar. Aber scheinbar macht sich da niemand mal die Mühe diesen jungen Menschen mal genauer anzusehen, denn eins ist klar: Lennart ist kein Assozialer, kein Randalierer, kein destruktives jugendliches Heimkind, kein ehemaliger Hauptschüler, der mit 14 die Schule abgebrochen hat und jetzt vor sich hin vegetiert. Er ist ein mutiges kleines Kerlchen, intelligent und kreativ. Hey, bitte, ich schätze das an Hand von wenigen Dingen ab, die ich von ihm kenne, es dürfte auch für euch Kaffeeklatschtanten nicht so schwierig sein zu ähnlichen Schlüssen zu kommen. Im Ernst, gebt dem Jungen eine Chance. Was hat er euch getan? Achso, ja, er wird Freunde in seine neue Wohnung einladen. Er wird Party machen. Mal laute Musik hören. Er wird sicherlich auch mal nach Mitternacht nach Hause kommen und er wird ungesundes Essen zu sich nehmen. Aber wer von uns allen lädt sich keine Freunde nach Hause ein, macht keine Partys, hört mal nicht laute Musik und gönnt sich nicht auch mal etwas weniger gesundes Essen? Meine Güte, der Junge ist 18, natürlich wird er sich austoben, doch das ist ebenso sein gutes Recht, wie es auch eures war.

Lennart sollte sich vielleicht demnächst mit seinem Blog für die Wohnungen bewerben. Spätestens hier wird man mitbekommen, dass Lennart irgendwo etwas ganz besonderes ist. Ich wette, dass diese ganzen miesen Vermieter, die ihm eine faire Chance verwehren mit anderen bspw. 25-jährigen Mietern mehr Probleme bekommen werden als mit Lennart. Ihr hattet eure Chance. Pech für euch.

Irgendwann wird es vielleicht Lennart sein, der über euer Schicksal entscheidet. Wenn ihr in Pflegeheime für alte, verbitterte, auf ihre nicht kommende Verwandtschaft wartende Menschen wollt, könnte es sein, dass Lennart es ist, der euch diesen Platz gibt. Oder eben nicht. Doch Lennart wird euch nicht vorverurteilen, nur weil ihr Rentner seid, die sich vordrängeln, der Meinung sind immer im Recht zu sein, nur weil ihr 40 Jahre älter seid und ach so viel Lebenserfahrung habt. Es gibt Erfahrungen, die ihr euer Lebtag nicht gemacht haben werdet. Andere aber schon als Kind. Kommt klar mit eurer kleinen, kranken Welt. Okay, ich denke ihr habt noch mal Glück gehabt. Lennart wird sicher nicht diesen Weg einschlagen. Ihr könnt wieder ruhig schlafen gehen.

Das ganz besondere an dieser Situation ist – und mein kleines krankes Hirn hat diese Verbindungen beim Nachdenken auf dem Nachhauseweg erschaffen -: Ich kenne sie schon. Während meines Praktikums an einer Grundschule hatte ich eine Mentorin. Eine engagierte Frau, Pflegemutter mit zwei Pflegekindern. Beide waren glücklich bei ihr, doch das Jugendamt spielte bösartige Spiele. So wurde der Pflegesohn aus völlig unerfindlichen Gründen aus einer Pflegefamilie gerissen um in ein betreute Wohngemeinschaft zu ziehen, in der er – sicher auch auf Grund seiner Persönlichkeit – auf sich allein gestellt klar kommen sollte. Entrissen von einer Frau, die sich jahrelang liebevoll um ihn gekümmert hat und sein Vertrauen gewonnen hatte. Monate gingen im Streit mit den Beamten und Angestellten der zuständigen Behörden ins Land, Zeit in der der Kleine jemanden gebraucht hätte, der ihm Halt gibt doch er fand nur Ablehnung, Verbote, Einschränkungen. Keine Liebe. Warum tut ihr Verwaltungsapparate so etwas? Hat man euch das Menschsein verboten? Habt ihr es verlernt? Seid ihr so weltfremd?

Ihr beschwert euch über die aggressive Jugend, ihre Perspektivlosigkeit, ihre mangelnde Motivation. Dabei seid ihr es selbst, die all das erschaffen.

Denn sie säen Wind und werden Sturm ernten. Ihre Saat soll nicht aufgehen; was dennoch aufwächst, bringt kein Mehl; und wenn es etwas bringen würde, sollen Fremde es verschlingen.
– Altes Testament, Hosea, Kapitel 8, Vers 7

Lennart möge mir verzeihen, dass ich über ihn schrieb. Wenn er es wünscht, werde ich diesen Beitrag auch wieder entfernen. Doch es musste gesagt werden.

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2 Antworten auf “Der Fall Lennart

  1. Lennart Pelz

    Nur durch Zufall habe ich entdeckt, dass aus unserer kleinen Twitter.Konversation heute Nachmittag ein Blog-Eintrag geworden ist. Und eigentlich kann ich dazu nur eines sagen: Danke! (Ja, nochmal)

    Ich bin wirklich verblüfft, dass du, der zu mir eine auf 140 Zeichen begrenzte Kontaktstelle hat, kapierst, was so gut wie keiner meiner hier als „Sozialpädagogen“ angestellten Betreuer erahnen. Es ist genau wie du sagst: Wahrscheinlich aufgrund meiner Persönlichkeit, aufgrund meiner Dickkopfes, meines Durchsetzungsvermögens und wegen meinem Bestreben, „dahinter zu denken“, fühle ich mich hier in der Wohngruppe ziemlich verloren. Das war auch Thema bei dem heutigen Gespräch im Jugendamt. Mit dem Unterschied, dass das Jugendamt in meinem Fall die Lage richtig einschätzt und auf meiner Seite steht. Als ich damals mit neun (und das dag ich hier jetzt einfach mal ganz ungeniert) aufgrund der Probleme meiner Mutter ins Heim kam, gab es von Seiten des Jugendamtes gleich zu Anfang die Überlegung, ob eine Pflegefamilie nicht besser für mich geeignet wäre, da sie Kontinuität und Zuverlässigkeit ausstrahlen würde. Leider gab die Situation nicht das her, was man sich schon damals für mich wünschte. Und so lebte und lebe ich bis heute (oder besser gesagt bis Mitte Mai) in einem Heim. Fast 11 Jahre lang.

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    1. tmkilla Autor

      Da ist der Lennart doch tatsächlich auf den ihm gewidmeten Blogeintrag gestoßen. :-) Zufälle gibts, die gibts gar nicht.

      Vielen Dank für deinen Kommentar hierzu. Dass du das überhaupt gelesen hast, überrascht mich schon, aber dann auch noch diesen Kommentar zu bekommen ist eine Ehre. Ich hab ja schon bei Twitter gesagt, dass deine offenen Worte zu dem Thema praktisch das größte Dankeschön sind, das man sich hierfür vorstellen könnte. Aber wie ich auch schon bei Twitter sagte: Es gibt nichts, wofür du dich bedanken müsstest.

      Vermutlich ist es genau das Problem: Deine Betreuer lesen vermutlich nicht das, wo du deine Emotionen hinein schreibst. Man merkt es deinem Blog an, dass du Gefühle kanalisierst. Bloggen ist toll.

      Ich bin froh gelesen zu haben, dass du das Jugendamt auf deiner Seite hast. Immerhin ist ja genau das ihre Aufgabe, es geht um das Beste für dich, nicht für irgendwelche Wohngruppen. Und ich kann wirklich nur hoffen, dass trotz der knappen Zeit, die dir eingeräumt wurde, das Problem gelöst wird und du endlich deinen eigenen Weg beschreiten kannst. Denn genau das ist es, was du brauchst, deine Freiheit, zu tun, was du für dich gut findest und wovon du überzeugt bist, dass es dich vorwärts bringt. Hast du erstmal diese gewisse Freiheit, wirst du noch viel mehr aufblühen, glaub mir und das wünsche ich dir.

      Was deine Geschichte angeht, warum wieso und weshalb Dinge so geschehen sind… ich denke, hier weiter darüber zu reden, ist nicht der richtige Ort. Das ist deine Geschichte und wenn du sie mit der Welt teilen möchtest, dann sollte die Welt das auch auf deinen Seiten lesen dürfen. Aber ich glaube auch, die Welt geht nicht alles an. Was ich noch zu sagen habe dazu, kommt per DM. :-)

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